Westfälische Erinnungsorte

Im Rahmen einer Übung an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster bei Frau Dr. Lena Krull entstand der Sammelband Westfälische Erinnerungsorte. Beiträge zum kollektiven Gedächtnis einer Region, der in der Reihe Forschungen zur Regionalgeschichte des LWL-Instituts für westfälische Regionalgeschichte als Band 80 aufgenommen wurde.
 

Aus dem Klappentext

Was haben der Pumpernickel, die Porta Westfalica und der Ruhrbergbau gemeinsam? Was verbindet den Sachsenherzog Widukind, Fürstin Pauline zur Lippe und Martin Niemöller? So unterschiedlich diese Personen, Dinge, Orte und Themen erscheinen mögen: Sie lassen sich alle unter den Oberbegriff der „westfälischen Erinnerungsorte“ fassen. Ausgehend vom Konzept der „lieux de mémoire“, das auf den französischen Historiker Pierre Nora zurückgeht, wurden in den vergangenen Jahrzehnten unter anderem französische, deutsche und europäische Erinnerungsorte von der Geschichtswissenschaft identifiziert. Erinnerungsorte können dabei geografischer Natur sein, sie können historische Ereignisse oder Personen und abstrakte Gegenstände bzw. Symbole umfassen. Es verbindet sie, dass sich in ihnen das kollektive Gedächtnis einer sozialen Gruppe manifestiert. In der Moderne fungiert als Bezugsgruppe zumeist die ‚Nation‘. Der vorliegende Sammelband will exemplarisch aufzeigen, dass auch Regionen ein kollektives Gedächtnis und Erinnerungsorte besitzen. Damit nähern sich die vierzig Autorinnen und Autoren des Bandes dem Gegenstand ‚Westfalen‘ aus einer landeshistorischen und erinnerungskulturellen Perspektive. Die hier zusammengestellten Beiträge wurden von Studierenden der Geschichtswissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster sowie von Historikerinnen und Historikern verfasst. Auf diese Weise entsteht ein facettenreiches und eng verwobenes, aber auch widersprüchliches Bild dessen, was Westfalen im historischen Gedächtnis ausmacht.

Über 40 Beiträge füllen fast 600 Seiten und geben ein breit gefächertes Portfolio aus den vielfältigen Aspekten westfälischer Geschichte. Persönlich konnte ich mit »Die Feme« einen Beitrag über die legendäre Gerichtsbarkeit westfälischer Schöffen während des ausgehenden Mittelalters und der frühen Neuzeit beisteuern.
 

Daten

Lena Krull (Hg.): Westfälische Erinnerungsorte. Beiträge zum kollektiven Gedächtnis einer Region (Forschungen zur Regionalgeschichte 80), Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2017.

 

Leseprobe

Die Feme als Ort der Erinnerung
Die Weltchronik von 1493 greift den Gründungsmythos auf, nach dem es Karl der Große war, welcher die Gerichte einsetzte.[1] Eine Sichtweise, die im Mittelalter weit verbreitet war und nicht wirklich angezweifelt wurde. Sie basiert auf der Gegebenheit, dass die Freigerichte die Nachfolge der von den Franken eingeführten Grafengerichten antraten.[2]
An der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert zählt der Franziskaner-Mönch, Pfarrer und Archivar Nikolaus Kindlinger (1749-1819) zu den ersten, die sich methodisch dem Thema widmen, Urkunden sammeln und versuchen Mythos und Geschichte zu trennen.[3] Ein weiterer Forscher ist Carl Philipp Kopp, der in dem 1794 von seinem Sohn beendeten und publizierten Werk feststellt, es sei nur mit „unbeschreiblicher Mühe und unverdrossener Nachforschung“ möglich, „einige zuverlässige Blicke in die innere Verfassung der so merkwürdigen heimlichen Gerichte in Westphalen zu thun“.[4] 1814 erscheint in Bremen die „Geschichte der westphälischen Femgerichte nebst einem Rückblick auf die Vorzeit Westphalens, besonders auf das vormalige Justizwesen und den criminal-rechtlichen Zustand überhaupt“ von Theodor Berck.[5] Doch noch 1825 schreibt Paul Wigand, sein Werk solle „eine künftige Geschichte der so merkwürdigen Femgerichte Westphalens vorbereiten“.[6] Mit seiner Arbeit erwarb er sich den Ruf der „erste moderne Erforscher der Feme“ zu sein.[7] Viele Archive und Urkundenbestände werden erst mit der Zeit erschlossen und jedes neue Dokument erweitert den Horizont. Nicht nur in dem von Wigand herausgegebenen Archiv für Geschichte und Alterthumskunde Westphalens werden in dieser Zeit regelmäßig Beiträge zum Thema abgedruckt. Einer der am Archiv beteiligten Autoren ist Johann Suibert Seibertz, einer der Großen in der Westfälischen Geschichtsschreibung.
Ein Meilenstein, auf den sich spätere Autoren auch über hundert Jahre später noch berufen, wird das Werk von Theodor Lindner, Die Veme, von 1888, dessen zweite Auflage (1896) mit einem neuen Vorwort versehen 1989 neu aufgelegt wird.
  1. Karl Kroeschell, Deutsche Rechtsgeschichte. Band 1: Bis 1250, 13. Aufl. Köln, Weimar, Berlin 2008, S. 69.
  2. Karl Kroeschell, Albrecht Cordes, Karin Nehlsen-vonStryk, Deutsche Rechtsgeschichte, Band 2: 1250-1650, 9. Aufl. Köln, Weimar, Wien 2008, S. 178.
  3. Nikolaus Kindlinger, Münstersche Beiträge zur Geschichte Deutschlands hauptsächlich Westfalens, 3 Bd., Münster 1787–1793.
  4. Carl Philipp Kopp, Über die Verfassung der heimlichen Gerichte in Westphalen, Göttingen 1794, S. 1.
  5. Theodor Berck, Geschichte der westphälischen Femgerichte nebst einem Rückblick auf die Vorzeit Westphalens, besonders auf das vormalige Justizwesen und den criminal-rechtlichen Zustand überhaupt, Bremen 1814.
  6. Paul Wigand, Das Femgericht Westphalens aus den Quellen dargestellt und mit noch ungedruckten Urkunden erläutert, Hamm 1825.
  7. Karl Kroeschell, Albrecht Cordes, Karin Nehlsen-vonStryk, Deutsche Rechtsgeschichte, Band 2: 1250-1650, 9. Aufl. Köln, Weimar, Wien 2008, S. 178.